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Kultur in Zeiten der Corona

Corona, Tag …? Ja, der wievielte eigentlich? Das Zeitgefühl verschwimmt. Während der Blick auf den Kalender zeigt, dass wir erst in Woche fünf sind, seit die allgemeine Kontaktbegrenzung in Deutschland ausgerufen wurde, dauert dieser Zustand gefühlt schon unendlich viel länger.

Mit dieser Woche wurde die Beschränkungen für den Einzelhandel gelockert. Und so stand ich am Mittwoch um 11:54 Uhr vor meiner Lieblingsbuchhandlung, die um 12h öffnete. Es tat gut, die Bücher zu sehen, zu fühlen, sie anzulesen und natürlich auch gleich mehrere zu kaufen. Doch die Lockerungen, die Anfang dieser Woche umgesetzt wurden, gaukeln einem eine Normalität vor, die es so noch nicht wirklich gibt. Denn nach wie vor bleibt unklar, wie lange dieser prinzipielle Ausnahmezustand andauert, ob es zu einer Wellenbewegung der Infektionszahlen kommt, wann es wieder ein „normales“ soziales Leben gibt, was als neues “Normal” gilt und was das für uns bedeutet.

Ein Indikator, dass die Situation noch lange nicht ausgestanden ist, lässt sich in Bezug auf kulturelle Veranstaltungen erkennen. Statt bis Ende April sind die (Hamburger) Häuser nun erstmal bis zum 30. Juni 2020 geschlossen, also quasi bis zur Sommerpause, Großveranstaltungen sind deutschlandweit bis Ende August untersagt, manche Absagen, wie das Oktoberfest, gehen sogar bereits bis in den Oktober. Was Großveranstaltung bedeutet, wird dabei von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich definiert, das Resultat ist jedoch das gleiche: Es findet nichts statt. Kein Konzert, kein Theater, kein Festival, kein Kino. Nichts.

Die Netflix-Aktie stand derweil noch nie so hoch im Kurs und das kulturelle Online-Programm ist wunderbar umfangreich. Gefühlt konnte man noch nie so viele Events sehen – jeder Klick ein Gewinn. Nie waren die Archive, die Konzertsäle, die Opern so offen für alle. Überall kann man seinen Durst an Kultur stillen. Es ist ein großes Geschenk. Unbenommen.

Und doch – diese Ersatzbefriedigung hat einen schalen Beigeschmack, denn sie ist einfach nicht … dasselbe. „The real thing“, wie es im Englischen so passend heißt, das Echte. Und selbst sich live gespielte „Geisterkonzerte“ online anzusehen, bei denen vereinzelt wenige Künstler auf großen Bühnen mit großem Abstand zueinander verloren gehen und zwischen ihren Stücken thematisieren, wie seltsam es sich anfühle, in den leeren Raum hinein zu spielen, so völlig ohne die Reaktion eines Publikums… Diese Ersatzangebote machen einem nur noch schmerzlicher bewusst, was uns gerade verwehrt bleibt, was fehlt.

Mir ist durchaus klar, dass wir uns hier in Deutschland in einer sehr komfortablen Situation befinden: Wir dürfen rausgehen, viele dürfen arbeiten, wir können uns für diejenigen engagieren, denen es schlechter geht als uns.  Wir befinden uns nicht in einer allgemeinen Quarantäne, das Gesundheitssystem ist bisher nicht überlastet und das Land ist wohlhabend genug, um finanzielle Rettungsschirme aufzuspannen.

In Sachen Kultur bleibt uns allerdings bis auf weiteres nur die Hoffnung, dass es ein Licht am Ende des Tunnels gibt und dieser sich nicht als Tunnel Dürrenmatt’scher Façon erweist. Die Hoffnung, dass es irgendwann wieder weiter geht. Ende Juni, nach der Sommerpause, im Herbst. Dass irgendwann der Zeitpunkt kommt, an dem ein Konzert wieder ein Konzert ist, ein Opernbesuch zu einem umfassenden Event wird, Theaterstücke zu nächtelangen Diskussionen führen und wir – vor allem! – wieder gemeinsam Kunst und Kultur erzeugen und genießen können.

Ein Weg und sein Ziel – irgendwann wird die Kulturszene wieder leben. Foto: DS